
Ohne Auto ans Ende der Welt
Die Professorin, die Mobilität lebt
Von der Kommandobrücke der Hurtigrute in den Hörsaal: Prof. Dr. Monique Dorsch von der Westsächsischen Hochschule Zwickau ist vermutlich Deutschlands ungewöhnlichste Verkehrsexpertin. Sie plant ihren Urlaub nach Schiffsbesatzungen und beweist, dass man Mobilität am besten versteht, wenn man sie selbst lebt.
Prof. Dr. Monique Dorsch ist eine Rarität in der deutschen Hochschullandschaft: eine Professorin für Verkehrsbetriebswirtschaftlehre ohne Führerschein. Stattdessen fährt die 52-Jährige alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln – zur Vorlesung nach Zwickau, zu Konferenzen nach Wien, zur Partnerhochschule nach Molde in Norwegen. „Ich bin meine eigene härteste Testkundin“, sagt sie mit einem Lächeln. Doch ihre wahre Leidenschaft gilt einem ganz besonderen Verkehrsmittel: Hurtigruten, jenen norwegischen Postschiffen, die seit über 130 Jahren die Küste bedienen und die in ihrer Arbeit zum Paradebeispiel geworden sind für das, was öffentlicher Verkehr sein kann.
An Bord eines Postschiffs
Wo Tourismus auf Daseinsvorsorge trifft
Ein Spätsommertag an Norwegens Küste, die Sonne glitzert im Fjord, ein tiefes Tuten kündigt die MS Richard With an. Touristen stehen an Deck, Einheimische warten auf ihren „Linienbus über das Wasser“. Und mittendrin am Bug: Monique Dorsch. Sie beobachtet, wie das Schiff präzise anlegt, Fracht entlädt, Passagiere aufnimmt. „Das ist kein Kreuzfahrtschiff“, erklärt sie. „Das ist von Anfang an staatlich mitfinanzierter öffentlicher Linienverkehr. Und genau deshalb bin ich hier.“
Wie hartnäckige Studentinnen eine Leidenschaft entfachten
Obwohl Monique Dorsch sich schon seit über 15 Jahren theoretisch mit Hurtigruten befasste, war sie selbst noch nie an Bord. „Eine Kreuzfahrt? Das ist doch nichts für mich“, dachte sie. Schließlich überredeten sie hartnäckige Studentinnen vor acht Jahren, doch einmal mitzufahren. Sie hatten recht. Denn an Bord war es spannend zu erleben, wie das System in der Praxis funktioniert: öffentlicher Linienverkehr, Frachtbeförderung und Tourismus laufen parallel und stützen sich gegenseitig. Hurtigruten ist ein Transportunternehmen, das Touristen mitnimmt – nicht umgekehrt. Das ist Verkehrsbetriebswirtschaft in Reinform.
Aus der skeptischen ersten Fahrt wurde eine Leidenschaft. Heute kennt Monique Dorsch die gesamte Flotte und organisiert ihren Jahresurlaub nach den Dienstplänen der Besatzung. „Wenn ich Urlaub an Bord plane, möchte ich gerne auf bekannte Gesichter treffen, wozu natürlich auch mein Lieblingskapitän gehört“, erklärt sie. Im Laufe der Jahre hat sie viele Crewmitglieder kennengelernt. Gespräche über Logistik, Wetterbedingungen und die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und öffentlichem Auftrag fließen direkt in ihre Lehre ein.
Zwischen Växjö und Plauen
Die Grundlage für dieses Verständnis wurde früh gelegt. Die gebürtige Vogtländerin, die 1992 am Diesterweg-Gymnasium in Plauen ihr Abitur machte, studierte Betriebswirtschaftslehre nicht nur in Zwickau, sondern auch an der Universität Växjö in Schweden und der Noordelijke Hogeschool Leeuwarden in den Niederlanden.
„In Schweden ist mir deutlich geworden, dass guter ÖPNV heute nicht nur eine Frage von Takt und Angebot ist, sondern auch von Zugang“, sagt Monique Dorsch. „In den vergangenen Jahren hat man in Schweden stark auf Digitalisierung gesetzt. Das kann vieles erleichtern, baut aber auch neue Hürden auf.“ An vielen Bushaltestellen hängen kaum noch klassische Fahrpläne, stattdessen findet sich oft nur ein QR-Code. Wer kein Smartphone nutzt, steht schnell außen vor. Auch der Ticketkauf ohne App wird schwierig. Dazu kommt: Die digitalen Systeme sprechen nicht immer miteinander. Fahrplaninformationen über Fernverkehrszüge fehlen in den Apps der Verkehrsverbünde, umgekehrt bildet die App der SJ (staatlicher Betreiber von Personenzügen in Schweden) regionale Verbindungen nicht vollständig ab. „Am Ende habe ich mir eine verlässliche Gesamtübersicht über den DB Navigator beschafft und die Tickets dann in den jeweiligen schwedischen Apps gekauft“, erzählt sie.
Diese eigene Erfahrung prägt ihren Blick: Verkehr als integriertes System zu denken, heißt eben auch, digitale Angebote so zu bauen, dass sie niemanden ausschließen. Dabei verklärt sie Skandinavien nicht: „Auch in Schweden kommen Züge zu spät oder fallen aus. Der Unterschied liegt im Umgang damit und in den Prioritäten.“ Und zum deutschen ÖPNV sagt sie differenziert: „Wir haben eines der dichtesten Verkehrsnetze Europas. Das ist eine echte Stärke. Natürlich gibt es Herausforderungen bei der Zuverlässigkeit, aber im Vergleich zu vielen anderen Ländern sind wir flächendeckend gut aufgestellt.“
Wenn Reisen zur Forschung wird
Seit dem Jahr 2011 lehrt Monique Dorsch als Professorin Verkehrswirtschaft an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Zuvor arbeitete sie 14 Jahre in der freien Wirtschaft, sieben Jahre davon als Geschäftsführerin in der Organisationsberatung. Diese Praxiserfahrung unterscheidet sie von reinen Theoretikern und macht ihre Lehre lebendig.
Ihr didaktisches Markenzeichen sind Case Studies – reale Fallstudien, die sie systematisch in die Verkehrslehre integriert und mit eigenen Erfahrungen angereichert hat. Bei dieser international etablierten Methode lernen Studierende, anhand echter Fälle komplexe Entscheidungen zu treffen.
Ihre verkehrsbezogenen Lehrbücher gelten inzwischen als Standardwerke an deutschen Hochschulen und enthalten zahlreiche Fallstudien, die auf ihren eigenen Reisen und Beobachtungen basieren.
Dazu gehört die Fallstudie zu Hurtigruten, in der sie das gesamte Hybridsystem detailliert analysiert. Ebenso hat sie Fallstudien zu den Pariser Fahrradverleihsystemen, zum Hausboot-Tourismus auf italienischen Gewässern oder zur S-Bahn Tirol entwickelt. Alles Beispiele, die sie selbst erlebt und mit wissenschaftlichem Blick untersucht hat.
„Wenn ich meinen Studenten von Hurtigruten berichte, dann spreche ich nicht über abstrakte Konzepte. Ich erzähle konkrete Geschichten. Wie der Kapitän bei acht Meter hohen Wellen reagiert. Wie die Crew in kürzester Zeit Fracht und Passagiere manövriert und wie das wie eine Choreografie aussieht, wenn es gut läuft“, erklärt Monique Dorsch.
Mobilität am eigenen Leib erfahren
Ihre Haltung zur Mobilität ist geprägt vom eigenen Erleben. „Es kann schon mal vorkommen, dass man an einer abgelegenen Haltestelle irgendwo in einem schwedischen Dorf steht. Weit und breit nur Wald und See und man wartet auf den Bus, der vielleicht kommt oder auch nicht. In diesem Moment lernt man so viel mehr als in jeder Vorlesung. Man lernt, sich zu orientieren, auch wenn das Handynetz nicht lückenlos funktioniert. Man lernt zu warten und zu akzeptieren. Die Fähigkeit, geduldig zu sein, haben wir in Deutschland fast völlig verlernt, wo jede Minute optimiert werden muss“, sagt Monique Dorsch.
Diese gelebte Erfahrung unterscheidet sie von Kollegen, die vom Schreibtisch aus über Taktzeiten philosophieren, ohne je selbst im Regen auf den Bus gewartet zu haben. Sie spricht nicht nur über Mobilität, sie lebt sie am eigenen Leib, Tag für Tag.
Was Norwegen dem Vogtland lehren kann
Was sie aus Norwegen mitnimmt: „Hurtigruten hat mir gezeigt, was Verkehr im besten Fall sein kann. Es geht nicht nur um Profit, es geht auch nicht nur um Geschwindigkeit oder Effizienz. Es geht um Verbindung, um das Schaffen von Verbindungen zwischen Menschen, zwischen Orten, zwischen Möglichkeiten.“
Diese Einsicht trägt sie in ihre Arbeit, wo sie sich mit den gleichen Fragen beschäftigt, die sie in Norwegen beobachtet: Wie erreichen wir die Menschen auf dem Land? Wie halten wir ländliche Räume mobil? Wie schaffen wir Daseinsvorsorge, wenn die Bevölkerung schrumpft und die Strecken unwirtschaftlich werden? Die Antworten, die Hurtigruten gefunden hat – die Mitfinanzierung durch touristische Nutzung, die kompromisslose Zuverlässigkeit, die Integration in den Alltag der Menschen und die nachhaltige Ausrichtung des Betriebs – sind Inspiration für ihre Arbeit hier.
Monique Dorsch lehrt an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, veröffentlicht Lehr- und Fallstudienbücher zur Verkehrswirtschaft und ist Mitglied im Institut für Energie und Verkehr.
Aber vor allem ist sie eine Grenzgängerin zwischen den Welten: zwischen Norwegen und Sachsen, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wissenschaft und Leben.
Westsächsische Hochschule Zwickau
Kornmarkt 1 . 08056 Zwickau
whz.de
28. März 2026 – Hochschul-Infotag
Jederzeit individuelle Besuchsprogramme für Oberstufenklassen (Termine nach Absprache)
Studiengänge (mit Prof. Dr. Monique Dorsch)
Management – Schwerpunkt Verkehrswirtschaft (Bachelor)
• BWL-Studium mit Fokus auf den Verkehrssektor, Vertiefungen z. B. in Human Resource Management, Marketing, Unternehmensführung, International Economics
• Auslandssemester z. B. in Molde (Norwegen) möglich
• Berufsfelder: Verkehrsmanagement, Organisation und Planung
Mobilität und Verkehr (Bachelor)
• Ingenieurstudium verknüpft Technik, Betriebswirtschaft, Ökologie und Recht
• Interdisziplinär: Systeme, Planung, Technologie
• Schwerpunkt auf Straße & Schiene
• Berufsfelder: Verkehrsplanung, Verkehrsunternehmen, Verkehrsverbünde
Verkehrssystemtechnik (Diplom)
• Diplom-Ingenieurstudium verknüpft Technik, Betriebswirtschaft, Ökologie und Recht
• Interdisziplinär: Systeme, Planung, Technologie
• Schwerpunkt auf Straße & Schiene
• Berufsfelder: Verkehrsingenieurwesen, Systementwicklung, Projektarbeit
So kommen Sie hin
Zug Zwickau, Hauptbahnhof oder Zwickau Zentrum, von dort weiter mit Straßenbahn oder Bus


