Ein Vater und sein Sohn mit Schutzhelmen lächeln bei einem Besuch unter Tage in der Grube Tannenberg. Das blaue Licht beleuchtet die Felswände des historischen Bergwerks.
©Archiv TVV_D.Rückschloss

Glück auf am Schneckenstein

Vischelantes Vogtland

Am Schneckenstein zwischen Muldenhammer und Klingenthal geht es in die Grube Tannenberg – das höchstgelegene Besucherbergwerk Sachsens.

VISCHELANT hat eine Führung mitgemacht, sich die Weihnachtszeit unter Tage zeigen lassen und ganz nebenbei erfahren, warum es im Stollen das ganze Jahr über gleich kühl bleibt.

Es ist Samstagvormittag, als wir die letzten Meter bergauf zum Eingang der Grube Tannenberg laufen. Rundherum steht tiefgrüner Wald und dahinter geht der Blick weit über das obere Vogtland. Wir haben unsere Winterjacken dabei, was allerdings nichts mit dem Wetter draußen zu tun hat. Hier oben auf 835 Metern führt ein Stollen in den Berg hinein und dort drinnen sind es konstant fünf Grad, im Juli genauso wie im Januar. Steffen Gerisch, der das Besucherbergwerk leitet, hat dafür einen Spruch: „Willst du die Grube Tannenberg besuchen, musst du im Schrank nach dem Winterschlüpfer suchen.“

Hier unten ist es das ganze Jahr gleichbleibend kühl bei fünf Grad. Der Berg atmet mit den Jahreszeiten und gleicht die Luft dabei stets auf denselben Wert an. Erstaunlich: Im Februar sind die ersten Meter des Stollens oft mit Eiszapfen zugewachsen.

Als im Berg noch gearbeitet wurde

Unser Bergführer bringt die Geschichte in eine Formel: dreißig Jahre Bergbau, dreißig Jahre Stillstand und inzwischen dreißig Jahre Schaubergwerk. Angefangen hat alles im 15. Jahrhundert, als hier oben elf Schächte in den Boden getrieben wurden. Damals gab es keine Maschinen, es war eine mühsame Arbeit von Hand. In einer Schicht schafften die Arbeiter nur zweieinhalb Zentimeter. Nicht mehr als sieben bis neun Tonnen Zinnerz im Jahr kamen dabei heraus.

In den 1920er Jahren stießen Geologen bei einer Bohrung auf einen mächtigen Erzkörper, der alles veränderte. Ab 1937 trieben Bergleute jenen Stollen 600 Meter in den Berg, durch den heute die Besucher laufen. Wofür ihre Vorgänger Generationen gebraucht hätten, brauchten sie ein Jahr. Von 1941 bis Kriegsende wurde Zinnerz abgebaut, von 1954 bis 1964 lief die Förderung noch einmal an, dann war Schluss. Das Vorkommen war verbraucht und eine weitere Förderung nicht mehr rentabel.

Im Stollen können Besucher anfassen, statt nur anschauen. Bohrmaschinen stehen auf ihren Lafetten. Einen Bohrhammer mit fünfzehn Kilo dürfen sie selbst anheben und in die alte Grubenbahn können sich Besucher sogar hineinsetzen.

„Die Geister, die ich rief“

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, aus einem stillgelegten Loch im Berg ein Besucherbergwerk zu machen? Angestoßen hat es ein alter Bergmann, der noch genau wusste, was dort unten liegt. Steffen Gerisch arbeitete damals im Naturschutz beim Landkreis und kannte das Muster: Projekte werden gefördert und feierlich eröffnet. Die eigentliche Herausforderung ist es, die Projekte in die Zukunft zu führen. Also verließ er den öffentlichen Dienst und nahm diese Herausforderung an.

1992 begann der Umbau zum Besucherbergwerk. Am 3. Oktober 1996 wurde es eröffnet. Die ersten Jahre galt es, Gutachten zu beauftragen, Schächte zu sichern und jeden Tag vor Ort zu sein. Wer Menschen in einen Berg hineinlässt, muss sie schließlich auch heil wieder herausbekommen. Auf die Frage, ob er mit viel Zuspruch gerechnet hat, antwortet er lachend „Die Geister, die ich rief, die werde ich nicht mehr los.“ Rund 20.000 Gäste kamen anfangs, heute sind es 30.000 bis 35.000 im Jahr.

Hinter dem Bergwerk steht ein kleines Team aus vier Festangestellten, dazu kommen Aushilfen und Ehrenamtliche. Sie teilen sich die Arbeit zwischen Bergwerk, Mineralienzentrum und Topasfelsen auf. Jeder führt, jeder kassiert, und jeder putzt auch mal die Toilette. „Solange ich selber einen Lappen angreifen und ein Waschbecken auswischen kann, könnt ihr das genauso“, lautet der Standardsatz des Chefs. Er nennt das eine große Familie, und man merkt ihm an, dass ihm das mehr bedeutet als jede Besucherzahl. Nach dem größten Highlight gefragt, nennt er voller Stolz seine vogtländischen Bergführer.

Eine Stunde unter Tage

Das Besucherbergwerk ist nur mit einer Führung zugänglich. Etwa eine Stunde lang geht es 600 Meter in den Berg hinein, es ist nass, es tropft von der Decke, und im Winter hängen dort oben Fledermäuse in Trauben beieinander. Besucher erfahren auch, warum die Bergleute ihre Stollen mit Holz ausgebaut haben. Holz knackt mehrmals laut, bevor es bricht, und das hat vielen das Leben gerettet.

Der Höhepunkt des Rundganges kommt zum Schluss. Der Erzkörper wurde komplett abgebaut, und zurück blieb einer der größten bergmännisch geschaffenen Hohlräume im deutschen Erzbergbau – rund 150 Meter hoch. Besonders beeindruckend ist der unterirdische See, der sich im unteren Teil des Hohlraumes gebildet hat.

Für Kinder wird der Berg zum Schatzhaus

Bei den angemeldeten Kinderführungen geht es auf Schatzsuche im Bergwerkstollen. Die Kinderschatzsuche erzählt von Schneewittchen und den Zwergen. Die Zwerge verlieren ständig ihre Edelsteine, und das Team des Bergwerks weiß natürlich genau, wo. Die Kinder dürfen suchen und behalten, was sie finden. Danach werden die Steine der Kinder in der Edelsteinschleiferei im benachbarten Mineralienzentrum bearbeitet.

„Kinder brauchen weniger Programm, als Eltern glauben, und vor allem keinen Druck“, sagt Steffen Gerisch. „Wer sein Kind in den dunklen Stollen zwingt, erntet Tränen und bekommt es nie wieder in ein Bergwerk hinein, während es mit Geduld fast immer klappt“. Wichtig ist, sich warm anzuziehen, denn es ist kalt unter Tage. Dann haben alle, ob Groß oder Klein, eine gute Zeit.

Die letzte Schicht des Jahres

Der weihnachtliche Brauch der Mettenschichten reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Die Bergleute waren arm, doch für die letzte Schicht vor Weihnachten brachte jeder mit, was er entbehren konnte, und legte es unter Tage auf einen Tisch. Zur festgelegten Stunde rief der Obersteiger seine Leute mit Klopfzeichen zusammen, man hielt einen Berggottesdienst, gedachte jener, die umgekommen sind, und aß miteinander. 

In der Grube Tannenberg läuft das bis heute genauso ab. Zuerst gehen alle auf Führung, danach trifft sich die Gruppe zu einer halben Stunde Andacht mit Pfarrer und Posaunenchor, alles live und nichts vom Band. Anschließend gibt es Schinken im Brotteig, dazu Glühwein, Tee und einen Grubenschnaps.

Beim Ausfahren nach der Mettenschicht hängten die Männer ihre Grubenlampen ans Mundloch, so wird der Eingang eines Bergwerks genannt. Genau dieses beleuchtete Mundloch ist die Vorlage für den Schwibbogen. Die ältesten Bögen tragen nur neun Kerzen, weil die Bergleute neun Monate im Berg und die übrigen in der Landwirtschaft arbeiteten. Auch Bergmann und Engel im Fenster haben ihren Ursprung im Bergbau: der Bergmann arbeitete in der Dunkelheit und der Engel brachte ihm das Licht. Wurde früher ein Junge geboren, schnitzte man einen Bergmann, bei einem Mädchen einen Engel. „Solche Traditionen sollte man wieder viel mehr aufleben lassen“, sagt Steffen Gerisch.

„Da steckt nicht nur Brauchtum drin, sondern Elternhaus und Heimat.“

Die Mettenschichten finden vom 1. bis zum 23. Dezember statt, an manchen Tagen sogar mehrmals. Die Gäste reisen aus Dresden und Leipzig an. Reisebusse kommen sogar von der Ostsee und manche Gruppen sind seit dreißig Jahren dabei.

Nach einer spannenden Zeit unter Tage können im benachbarten Vogtländisch-Böhmischen Mineralienzentrum jede Menge steinerne Kostbarkeiten bewundert werden. Besonders lohnenswert sind Abstecher zum Schneckenstein, dem einzigen Topasfelsen Europas, sowie zum Aussichtspunkt Schneckenstein. Dieser befindet sich auf einer ehemaligen Bergbauhalde und bietet bei guter Sicht einen herrlichen Blick in Richtung Klingenthal. Glück auf! 

Gut zu wissen:

Was ist ein Steiger? Der Steiger ist eine Aufsichtsperson im Bergbau. Er trägt Verantwortung für einen Teil des Bergwerks und die ihm unterstellten Personen. Der Name wird abgeleitet von der früheren Tätigkeit des Steigers, dem steten Steigen und Einfahren in die Gruben. Eng mit dem Bergbau verbunden und bekannt ist das Lied „Glück auf, der Steiger kommt“.

Besucherbergwerk Grube Tannenberg

Zum Schneckenstein 42

08228 Muldenhammer OT Schneckenstein

www.schneckenstein.de

 

Führungen

Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen um 10:00, 11:30, 13:00 und 14:30 Uhr 

Anmeldung erforderlich für Gruppen, Kinderführungen und Mettenschichten;

Warme Kleidung und festes Schuhwerk 

z. B. Wanderschuhe sind empfehlenswert. 

 

So kommst du hin 

Bus mit dem PlusBus 20 bis Mühlleithen, Kammweg – ca. 45 Minuten Wanderung bis Schneckenstein; mit dem TaktBus 23 bis Schneckenstein, Ortseingang (Bedarfshaltestelle, mindestens 60 Minuten oder ggf. am Vortag telefonisch unter 03744 19449 anmelden; Fußweg ca. 700 m) 

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